Projektleiter: Prof. Dr. Joachim Bahlcke
Zu den bekanntesten alteingesessenen Geschlechtern Schlesiens gehörten die Hochberg auf Fürstenstein im niederschlesischen Fürstentum Schweidnitz-Jauer. Auf ihrem Stammsitz, Schloss Fürstenstein, residierte die protestantische Familie kontinuierlich über mehrere Jahrhunderte und bekleidete hohe politische Ämter. Nicht nur die Familie selbst genoss dabei hohes Ansehen, sondern auch ihr Stammsitz Schloss Fürstenstein. Die Familie ließ das Schloss repräsentativ im Barockstil ausbauen und legte zudem eine umfangreiche Bibliothek mit Archiv sowie eine Naturalien- und Kunstkammer an, die zu den bedeutendsten Sammlungen Schlesiens zählten. Etwa 100 km von Fürstenstein entfernt residierten seit der Mitte des 17. Jahrhunderts zudem im niederschlesischen Herzogtum Oels Vertreter des protestantischen Hauses Württemberg. Dort hatten sie die Nachfolge der ebenfalls protestantischen Herzöge von Münsterberg-Oels aus dem Geschlecht der Podiebrad angetreten. Auch wenn Schloss Oels bereits Ende des 18. Jahrhunderts in den Besitz der Welfen überging, konnte der schlesische Zweig der Württemberger seine Verbindungen zum Oderland etwa 300 Jahre bewahren. Maßgebend hierfür war das bedauerlicherweise 1945 zerstörte Schloss Carlsruhe in Bad Carlsruhe, das der Familie nach dem Verlust von Schloss Oels seit Ende des 18. Jahrhunderts als Stammsitz diente.
Das Dissertationsprojekt nimmt diese beiden adeligen Familien in den Blick, inspiriert durch das deutsch-polnische Kooperationsprojekt über Schloss Pless am Lehrstuhl der Geschichte der Frühen Neuzeit der Universität Stuttgart und den Erwerb der Pläne des Carlsruher Schlosses durch das Hauptstaatsarchiv Stuttgart im Jahr 2022. In vergleichender Perspektive wird untersucht, wie sich diese Familien, landsässig und landfremd, auf und um ihren Stammsitzen zwischen Westfälischem Frieden und Ende des 18. Jahrhunderts behaupteten und mit ihrer eigenen Geschichte und Tradition auseinandersetzten. Ziel ist es, unterschiedliche Strategien der Repräsentation und Standeserhaltung herauszuarbeiten sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu analysieren. Neben ihrer unterschiedlichen Herkunft gehörten die Familien zudem verschiedenen Adelsrängen an, was ihre Handlungsspielräume, Netzwerke und ihren Einfluss sowohl unter habsburgischer als auch unter preußischer Herrschaft beeinflusste. Grundlage der Untersuchung sind sowohl handschriftliche und gedruckte Quellen, die von den Familien selbst oder in ihrem Auftrag verfasst wurden, als auch weitere Formen von Erinnerungskultur, die in diesem Zusammenhang entstanden. Die Arbeit leistet einen Beitrag zur schlesischen Adels- und Kulturgeschichte.
Literaturauswahl:
Bahlcke, Joachim/Mrozowicz, Wojciech (Hg.): Adel in Schlesien. Bd 2: Repertorium. Forschungsperspektiven- Quellenkunde- Bibliographie. München 2010 (Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa 37).
Bahlcke, Joachim: Adelige Geschichtspflege. Familienbewusstsein und Wissenschaftsförderung in Schlesien vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert. In: Bahlcke, Joachim/Gehrke, Roland (Hg.): Institutionen der Geschichtspflege und Geschichtsforschung in Schlesien. Von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg. Köln/Weimar/Wien 2017 (Neue Forschungen zur Schlesischen Geschichte 26), 407–442.
Bahlcke, Joachim: Die „Fürsorge der Väter für ihr Geschlecht und den Glanz ihres Hauses“. Archiv, Bibliothek und Erinnerungskultur der Schaffgotsch in Schlesien vom Spätmittelalter bis zum 20. Jahrhundert. In: Keller, Katrin/ Mat'a, Petr/ Scheutz, Martin (Hg.): Adel und Religion in der frühneuzeitlichen Habsburgermonarchie. Annäherung an ein gesamtösterreichisches Thema. Wien 2017, 339–364.
Bahlcke, Joachim/Gehrke, Roland: Institutionen der Geschichtspflege und Geschichtsforschung in Schlesien. Von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg. Köln/ Weimar/Wien 2017 (Neue Forschungen zur Schlesischen Geschichte 26).
Eiden, Maximilian: Das Nachleben der schlesischen Piasten. Dynastische Tradition und moder-ne Erinnerungskultur vom 17. bis 20. Jahrhundert. Köln/Weimar/Wien 2012 (Neue Forschun-gen zur Schlesischen Geschichte 22).
Endemann, Karl Johannes: Die Reichsgräflich von Hochbergsche Majoratsbibliothek in den ersten drei Jahrhunderten ihres Bestehens. 1609-1909. Breslau 1910 (Darstellungen und Quellen zur Schlesischen Geschichte 11).
Esbach, Friedrich Carl von: Das herzogliche Haus Württemberg zu Carlsruhe in Schlesien. Stuttgart 1906.
Gussone, Nikolaus: Carlsruhe. Eine oberschlesische Residenz des 18. Jahrhunderts und ihre zeitgenössische Beschreibung. In: Archiv für schlesische Kirchengeschichte 64 (2006), 57-92.
Kuczer, Jarosław: Baronowie, hrabiowie, książęta. Nowe elity Śląska (1629-1740). Zielona Góra 2013. / Baran, Zbigniew: Hrabiowie von Hochberg Śląscy Medyceusze i ich mecenat kulturotwórczy w latach 1628 – 1833. Wałbrzychu 2017 (Praca Naukowa Wałbrzyskiej Wyższej Szkoły Zarządzania i Przedsiębiorczości, Seria Pedagogika 13).
Kerber, Paul: Geschichte des Schlosses und der freien Standesherrschaft Fürstenstein in Schlesien. Nach zum größten Theile bisher unbenutzten Fürstensteiner Archivalien und anderen sicheren Geschichtsquellen bearbeitet. Breslau 1885.
Koch, W. John: Schloss Fürstenstein. Erinnerungen an einen schlesischen Adelssitz. Eine Bild-dokumentation. Würzburg 1989.
Lejman, Beata: The metamorphoses of Książ Castle. 700 years of the metamorphoses of Książ Castle. The Piasts. The Hochbergs. Facts, legend, myth, propaganda.Wrocław 2015.
Lorenz, Sönke/ Mertens, Dieter/ Press, Volker (Hg.): Das Haus Württemberg. Ein biographisches Lexikon. Stuttgart 1997.
Schmitz, Walter/Stüben, Jens/ Weber Matthias (Hg): Adel in Schlesien. Bd 3: Literatur und Kultur von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, München 2013 (Schriften des Bundesinsti-tuts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa 48).
Schukraft, Harald: Die Linie Württemberg-Oels. In: Uhland, Robert (Hg): 900 Jahre Haus Württemberg. Leben und Leistung für Land und Volk. Stuttgart/ Berlin/ Köln/ Mainz 1984.
Weigelt, Carl: Die Grafen von Hochberg vom Fürstenstein. Ein Beitrag zur vaterländischen Culturgeschichte. Breslau 1896.