Abteilung Alte Geschichte, Forschung, Reden ohne Mikrophon

Veranstaltungen

Vorträge, Vorlesungen, Seminare etc. des Forscherverbundes.

Interdisziplinäre Ringvorlesung „Redner ohne Mikro(phon). Politische Kommunikation von Demosthenes bis Hitler“ (Sommersemster 2016)

Einführung zum ersten Vortrag von Prof. Dr. Peter Scholz

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Studierende, meine Damen und Herren,

ich darf Sie recht herzlich zum ersten Vortrag der öffentlichen Ringvorlesung „Redner ohne Mikro(phon). Politische Kommunikation von Demosthenes bis Hitler“ begrüßen.

Wie Sie dem Programm entnehmen können, finden in diesem  Sommersemester 6 Vorträge statt.

Bevor ich kurz die Personen vorstelle, möchte ich knapp skizzieren, was uns bewogen hat, diese Ringvorlesung ins Leben zu rufen. Gestatten Sie mir daher zunächst einige grundsätzlichen Bemerkungen: Wir, das ist eine Gruppe von Wissenschaftlern, die sich in einem in Deutschland wie auch international seltenen, wenn nicht sogar einmaligen interdisziplinären Forscherverbund gemeinsam einer Thematik widmen: nämlich der Erforschung der physischen und stimmlichen Voraussetzungen wie auch der sozialen und räumlichen Bedingungen des öffentlichen Redens von der Antike bis zur Neuzeit.

Das Vorhaben versteht sich als ein Beitrag zu den verschiedenen Bemü­hungen der Universität Stuttgart („digital humanities“/Visualisierung), traditionell geisteswissenschaftliche Fragestellungen mit Hilfe moderner Tech­nologien und computer- und ingenieurwissenschaftlichen Kenntnissen zu ver­binden. Entsprechend verfolgt dieser Forscherverbund, der Historiker, Architekturhistoriker, Archäologen, Stimmbildner und Akustiker, Kunst-, Literatur- und Musikwissenschaftler zusammengeführt hat, das Ziel, eine Reihe historischer Rede- und Hörsituationen in der sogenannten vormodernen Zeit akustisch und visuell zu rekonstruieren und zu simulieren. Davon versprechen  wir uns, neue Erkenntnisse über die Art und Weise des oratorischen Auftritts berühmter griechischer Redner und römischer Senatoren, mittelalterlicher Bettelsordenprediger und richtender Kaiser, Redner in der Paulskirche oder im Reichstag vor Einführung von Beschallungsanlagen zu gewinnen.

Erlauben Sie mir, einige wichtige inhaltliche Eckpunkte des Forscherverbunds zu skizzieren:

In der Moderne ist die Darbietung akustischer Sprachsignale mit Hilfe von Mikrophonen und Lautsprechern oder auch als Tonaufzeichnung aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Zur Verbesserung der Klangqualität und der störungsreduzierten Übermittlung akustischer Informationen kommt vor allem der Akustik eine stetig steigende Bedeutung zu, beispielsweise bei Ansprachen und Vorlesungen, in Ausstellungen und Konzerten. Die Rede ist vielerorts dank des Einsatzes von technischen Hilfsmitteln für das Publikum stets hörbar und kann gegebenenfalls mittels entsprechender Aufzeichnungen auch für die Nachwelt bis zu einem gewissen Grade konserviert, reproduziert und entsprechend auch von der Nachwelt erforscht werden. Weitgehend unerforscht geblieben ist bislang die konkrete Redesituation in der Zeit vor der Verwendung akustischer Verstärker.

Bis in die 1920er Jahren, aber auch darüber hinaus – unter den Bedingungen des Sprechens vor dem Mikrophon – herrschte das Ideal des bühnengerechten Sprechens vor. Bis dahin galten, grob gesprochen, die gleichen Rahmenbedingungen wie bereits in der Antike: Das Sprechen einer Rede auf einem Rednerpodium oder einer Bühne war immer ein grundsätzlich performativer Sprechakt, der gelungen war (und authentisch wirkte), sofern der Redner imstande war, seine Sprache und seinen Körper dem Publikum und Raum anzupassen und die Interaktion mit dem Publikum und mit der räumlichen Umgebung bewusst suchte, wenn also das Hören durch den sichtbaren Auftritt des Redner visuell unterstützt und in der Redesituation als besonders erfahren wurde. Der Redner schuf also durch die stimmliche und körperliche Aneignung des räumlichen und personellen Redekontexts eine besondere Redeatmosphäre (auratisches Hören). Durch seinen stimmlich-körperlichen Einsatz vermochte er sein Publikum rednerisch zu beherrschen und zu lenken. Die gelungene Rede lässt sich mithin aus analytischer Sicht auch als ein ‚Leidensakt‘ des Redners verstehen, in der dieser mit ‚großer Leidenschaft‘, also unter vollem Einsatz, sprach und so seinen Zuhörern eine spezifische Botschaft glaubhaft vermittelte. Die öffentliche Darbietung des Durchleidens in einer ‚unverstärkt‘ gesprochenen Redesituation wurde, wie die Überlieferung zeigt, in verschiedenen historischen Epochen und wird auch heute noch als besonders authentisch und überzeugend empfunden.

In der gesamten Vormoderne besaß daher das im Rahmen eines konkreten Anlasses gesprochene Wort politischer oder sozialer Autoritäten eine außerordentlich große Bedeutung. Für eine damalige Führungspersönlichkeiten war es unabdingbar, mit der ihr persönlich zu Gebote stehenden Stimmkraft und mit ihrer gesamten Erscheinung dem Publikum sowohl die verbalen als auch die nonverbalen Inhalte seiner Darbietung zu übermitteln.

Dabei sind unbedingt auch weitere Umstände einer Redesituation zu berücksichtigen, denen in  heutigen Redesituationen im allgemeinen eine weitaus geringere Bedeutung zukommt: die räumliche Hervorhebung  des Redners, dessen individuelle Stimmgewalt und Redetechnik, das konkrete Verhalten des Publikums (als potentieller Störfaktor/ potentielle Geräuschquelle) sowie die Akustik des Raumes fernab aller technischen Hilfsmittel.

Zur akustisch-visuellen Rekonstruktion historischer Rede- und Hörersituationen gehört neben der Beschäftigung mit der Figur des Redners, mit  dessen sozialer Rolle, mit dessen stimmbildnerischer und rhetorischer Vorbildung und mit dem baulichen Kontext des Auftrittsorts auch die Berücksichtigung des Publikums, mit einer größeren, am Gespräch passiv oder auch aktiv beteiligten Menge an Zuhörern. Denn nur wenn man eine zahlreiche Zuhörerschaft voraussetzt, stellt sich überhaupt die Frage, in welchem Maße und ob überhaupt das gesprochene Wort das Publikum auch tatsächlich akustisch zu erreichen vermochte. Daran lassen sich schnell weitere Fragen anschließen: Inwiefern wurden akustische Belange bei der Wahl eines Veranstaltungsortes berücksichtigt? Wurden derartige Erwägungen bereits beim Bau eines künftigen Versammlungsortes angestellt? Für welche Teile des Publikums war es aufgrund der akustischen Gegebenheiten eventuell unmöglich, einen Redner deutlich zu verstehen und seinen  Argumenten zu folgen? Wussten die Redner um diese Schwierigkeiten und stellten sie sich stimmlich oder sprachlich darauf ein oder kam dieser „Zuhörerschaft“ –  bewusst oder unbewusst – lediglich eine rein symbolische Rolle bei einer derartigen Versammlung zu? Überhaupt stellt sich die Frage, in welchen Fällen sich die Interaktionen mit dem Publikum mangels akustisch günstiger Rahmenbedingungen auf symbolische, also auf rein optisch wahrnehmbare Handlungen beschränken mussten.

Als besonders interessante Redesituationen zur akustisch-visuellen Rekonstruktion erweisen sich solche, die in einer bestimmten Hinsicht besonders herausgehoben und nicht der alltäglichen Routine des sozialen und politischen Lebens zuzurechnen sind. Solche Reden dienten dazu, in Not- und Krisenzeiten besondere politische oder religiöse Botschaften mitzuteilen. Um ein möglichst großes Publikum zu erreichen, fanden sie im öffentlichen Raum statt, sofern dies, abhängig von der jeweiligen Kultur, die politischen Rahmenbedingungen vorsahen. Die Simulationen historischer Redesituationen soll verdeutlichen, besser gesagt, vor Augen und zu Ohren führen, wie sehr politischer Erfolg bis zur Einführung von Beschallungsanlagen nicht nur von der rhetorischen Kunstfertigkeit, also von der Komposition, Rhythmisierung und Wahl des Sprachstils der Rede, sondern auch maßgeblich von der Stimmbildung- und von der Stimmstärke der jeweiligen Redner abhängig war. 

Langfristiges Ziel der Stuttgarter Forschergruppe ist es, einerseits die stimm­lichen und sprachli­chen Anforderungen, die an die Redner in verschiedenen historischen Epochen und Kulturen gestellt wurden, aber auch den Grad der Hörbarkeit und bauliche Indikatoren zu deren Verbesserung zu ermitteln, andererseits geschichtlich bedeutsame Vortrags- und Redesituationen mittels computergestütz­ter Simulationen historischer Raumgegebenheiten modellhaft zu rekonstruie­ren und einem größeren Publikum zu präsentieren – u.U. auch in einer Filmproduktion und/oder musealen Präsentation.

Programm

Jeweils Dienstag, 17:30 bis 19:00 Uhr mit jeweils ein oder zwei Vorstellungen von Projektvorhaben. Moderiert und geleitet von Prof. Dr. Philip Leistner, Prof. Dr. Klaus Jan Philipp und Prof. Dr. Peter Scholz

12. April 2016

Dr. des. Christian Fron (Alte Geschichte) / Dipl. Ing. Verena Stappmanns (Architekturgeschichte) / Xiaoru Zhou (Bauphysik/Akustik):

Reden in der Curia Iulia. Eine akustisch-visuelle Rekonstruktion

3. Mai 2016

Boris Gübele, M.A. / Prof.-Dr. Mark Mersiovsky (Mittlere Geschichte):

Reden in der Aula Regia in Ingelheim

24. Mai 2016

Prof.-Dr. Sabine Holtz (Landesgeschichte):

Kanzel, Prediger und Hörer. Das Hören des geistlichen Worts (15.-19. Jahrundert)

Dipl.-Ing. Eva Veres (Bauphysik / Akustik):

Die Basilika als Bautypus

7. Juni 2016

Prof.-Dr. Philipp Leistner (Bauphysik/Akustik) / Dr. Simon Paulus (Architekturgeschichte):

Die Verwendung von Schalltöpfen in historischen Bauten. Akustische Wirksamkeit und architektonische Belege

28. Juni 2016

Prof.-Dr. Reinhold Bauer (Wirkungsgeschichte der Technik):

Räume des Politischen und historische Redesituationen

Prof.-Dr. Wolfram Pyta (Neuere Geschichte):

Räume des Politischen und historische Redesituationen

12. Juli 2016

Prof.-Dr. Dietmar Till (Allgemeine Rhetorik, Universität Tübingen):

Reden im Paulskirchenparlament

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