Dr. phil. Marcus Stiebing
Zusammenfassung
Die Studie untersucht, wie die Habsburger Herrscher*innen im Zuge der seit 1748 einsetzenden Reformen neue Machtverhältnisse über Kindheit, Fürsorge und institutionelle Erziehung innerhalb der Monarchie verankerten. Im Zentrum steht die Theresianische Militärakademie in der Wiener Neustädter Burg zwischen 1769 und 1805. Sie wird als Disziplinarinstitution analysiert, in der Knaben adliger Herkunft und Söhne verdienter Militärs zu künftigen Offizieren und loyalen Untertanen geformt werden sollten. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die Akademie die Monarchie im Kleinen abbildete, um hier Herrschaft zu vermitteln und einzuüben. Als zentrales Ordnungsprinzip wird das Schweigen gefasst: (1.) als diskursive Praxis, (2.) als Gradmesser innerer Disziplin und (3.) als soziale Praxis, durch die Hierarchien stabilisiert, Disziplin erzeugt und Akzeptanz gegenüber Autorität hergestellt werden sollten. Zugleich fragt die Studie nach den Handlungsspielräumen der Knaben, die durch Annahme konkreter Regeln, aber auch durch Verweigerungen an der Aushandlung dieser Ordnung beteiligt waren. Ziel ist es, die Theresianische Militärakademie als frühneuzeitliche Disziplinarinstitution kindheits- und herrschaftsgeschichtlich neu zu perspektivieren. Auf Grundlage serieller und nicht-serieller Akten, gedruckter Traktate, Pläne und bildlicher Überlieferungen rekonstruiert die Studie die Passagen, Bedingungen und Erfahrungen institutioneller Kindheit und leistet damit einen Beitrag zur Geschichte vormoderner Machtbildung.
Keywords
Habsburgermonarchie, Disziplinarinstitution, Kindheit, Machtverhältnisse, Schweigen
Einführung
Die vorliegende Studie versteht die Geschichte der Kindheit als eine Geschichte von Machtverhältnissen im Kleinen. Sie fragt danach, wie die Habsburger Herrscher*innen infolge der 1748 eingeleiteten Reformen eine Akzeptanz der sich neu formierenden Machtverhältnisse verankerten und wer hieran auf welche Weise beteiligt war. Sie bedienten sich dabei der Kindheit und der Fürsorge. Insofern nahmen die in diesem Sinne geschaffenen Einrichtungen, wie etwa Waisen-, Arbeits- oder Zuchthäuser, eine zentrale Stellung ein, weil sie institutionell und sozial die Monarchie auf je verschiedene Art und Weise im Kleinen abbildeten und diese den Adressierten zu vermitteln suchten.
Aus dieser Perspektive untersucht die vorliegende Studie die Theresianische Militärakademie in der Wiener Neustädter Burg zwischen 1769 und 1805. Die Einrichtung entstand im Kontext der 1748 initiierten Reformen. Die Kriege der Habsburger mit Friedrich II., der Verlust Schlesiens und der Kaiserkrone offenbarten die Defizite der Monarchie. Die militärischen Niederlagen zwangen Erzherzogin Maria Theresia und ihre Ratgeber zum Nachdenken darüber, wie diese gestärkt werden könne, wollte man im Wettkampf der Monarchien bestehen. Zugleich brachten die Kriege eine nahezu unüberschaubare Menge an verwaisten Kindern hervor, die aus Offiziers- oder Soldatenfamilien stammten und versorgt werden mussten.
Als Institutionen stehen die Theresianische Militärakademie und ähnliche Einrichtungen in Paris, Stuttgart oder St. Petersburg exemplarisch für die enge Verflechtung zwischen staatlicher Fürsorge und dem Nachdenken über Kindheiten. Darüber hinaus bringen diese Institutionen die enge Verzahnung von Aufklärungen und Militär im langen 18. Jahrhundert zum Ausdruck, wie dies die jüngere Forschung für Frankreich und Russland hervorhob. Kindheit und staatliche Fürsorge waren in diesen Debatten, an denen Gelehrte und Militärs gleichermaßen partizipierten, zentrale Diskussionsgegenstände. Die Wiener Neustädter Einrichtung sollte seit 1769 Knaben adliger Herkunft und Söhne verdienter Militärs ab acht Jahren nicht nur zu künftigen Offizieren, sondern auch zu loyalen Untertanen sozialisieren und ausbilden. Von Kindheit an sollten sie die Funktionsweise der sich seit 1748 herausbildenden militärisch-monarchischen Machtverhältnisse als Selbstverständlichkeit verinnerlichen und das bedeutete vor allem, im Namen des Staates zu schweigen.
Schweigen umfasst dabei mehr als das englische silence und geht über die Abwesenheit von Sprache, Kommunikation und Handeln hinaus. Es wird hier (1.) als diskursive Praxis verstanden. Diskurse waren durch Sprechen und Schweigen gleichermaßen bestimmt. Auf diese Weise generierten und festigten sie Machtverhältnisse, wie sie in der Zuschreibung „Kind“ – im militärischen Jargon – „Zögling“ oder „Kadett“ zum Ausdruck kamen, denen „Ältere“, „Offiziere“ und „Pflegeeltern“ gegenüberstanden. Je höher die soziale Stellung der beteiligten Akteure war, desto mehr Sprech- bzw. Handlungsgewalt hatten sie. Dies galt innerhalb des Militärs, aber auch innerhalb des Habsburger Zentralstaates. (2.) beschreibt Schweigen einen Gradmesser innerer Disziplin. Dies kommt in konkreten Regeln zum Ausdruck, so etwa der Schweigepflicht bei der Tafel oder auch stetigen Ermahnungen, sich im gesamten Gebäude still zu bewegen. Der Grad der Stille und die akkurate Einhaltung der Schweigeregeln durch die Knaben bildeten aus Perspektive der Militärs den Gradmesser für die Wahrung der inneren Ordnung und damit die Akzeptanz der internen Machtverhältnisse. (3.) handelt es sich um eine soziale Praxis, die den Alltag der adressierten Knaben prägte und sowohl durch den Raum als auch durch exakte Bestimmungen und Regeln gerahmt war. Die entsprechenden Überwachungsmechanismen, denen konkrete Erwartungshaltungen und Konventionen zugrunde lagen, zielten darauf ab, ebendies zu kontrollieren und durchzusetzen. Damit wurde das Schweigen zum Kernelement der innerinstitutionellen Kindheit gemacht.
Das bedeutet indes nicht, dass sich den Knaben in der Akademie keine Möglichkeiten der Selbstermächtigung eröffnet hätten. So finden sich in den Quellen Fälle, in denen die Knaben stahlen, unerlaubt vom Gelände „entwichen“ bzw. „desertierten“, im Unterricht Antworten verweigerten oder sich auf nicht schickliche Weise auf dem Areal bewegten. All dies deutete die Akademieleitung als Verweigerung des Schweigeprinzips, als Störung der inneren Akademieordnung und als Ablehnung bestehender Machtverhältnisse. Zugleich deuten diese Fälle darauf hin, dass die Knaben am Aushandeln des Schweigeprinzips ebenso partizipierten wie an der Aufrechterhaltung der Theresianischen Militärakademie als staatliche Institution.
Zur Theorie und Methodik
Die Studie orientiert sich am Konzept der „Disziplinarinstitution“, das Michel Foucault zu Beginn der 1970er Jahre entwickelte. Er suchte in Überwachen und Strafen nach den historischen Wurzeln des modernen Gefängnisses und nach Praktiken der Einsperrung, wie er sie seinerzeit beobachtete – und kritisierte. Entsprechende Institutionen und Praktiken machte er bereits vor 1800 aus und nannte in diesem Zusammenhang das mittelalterliche Kloster und die Militärakademien. In diesen Institutionen ging es nicht nur darum, Individuen zu disziplinieren, sondern auch darum, diese zu bessern und produktive Mitglieder für das Gemeinwesen hervorzubringen.
Foucault hob in diesem Zusammenhang insbesondere auf zwei Aspekte ab, die er als Machttechniken verstand: zum einen die räumliche Klausur und Parzellierung zur Schaffung eines abgeschotteten Raums, innerhalb dessen die Adressierten agierten. Zum anderen betonte er die Notwendigkeit, sie systematisch im Raum anzuordnen, ihre Handlungen und Interaktionen in diesem festzulegen und diese zeitlich zu kontrollieren. So entstanden Machtverhältnisse, wie Foucault in seinen Ende der 1970er Jahre gehaltenen Vorlesungen zur Gouvernementalität deutlich machte, in denen er zugleich von der Übermacht der Institution abrückte. Vor 1800 drückte sich dies z. B. im Verhältnis zwischen Klostervorstehern und Novizen, Offizieren und Kadetten oder auch Gefängniswärtern und Insassen aus. Die jeweils Untergeordneten sollten die Erfordernisse konkreter institutioneller, normativer und sozialer Bedingungen erkennen und diese als Selbstverständlichkeit verinnerlichen. Die Studie setzt hier an und orientiert sich an jüngeren Untersuchungen von Falk Bretschneider, der sich intensiv mit der foucault’schen Disziplinarinstitution und Foucaults Verständnis von Macht am Beispiel von Zucht- und Arbeitshäusern in Sachsen auseinandersetzte.
In diesem Sinne möchte diese Studie die (adligen) Knaben stärker in den Blick nehmen, denn sie waren – ebenso wie die übergeordneten Militärs – an der Aushandlung von Machtverhältnissen beteiligt, indem sie die Schweigeprinzipien befolgten oder dagegen verstießen. Um dies in den Quellen sichtbar zu machen, knüpft diese Studie an die Überlegungen Theo van Leeuwens zur Critical Discourse Analysis an. Er entwickelte ein sozio-linguistisches Raster, um Akteur*innen und deren Handlungen unter konkreten räumlich-normativen Bedingungen zu analysieren. Besonders sein Handlungsbegriff bietet mit Blick auf das forcierte Schweigen und die adressierten Knaben, aber auch weniger in und durch Quellen präsente Akteur*innengruppen einen lohnenswerten Zugang. Bei Handlungen, die nach van Leeuwen allgemein ein ‚Tun‘ oder ‚Meinen‘ beschreiben, unterscheidet er zwischen Aktionen und Reaktionen. Das zentrale Unterscheidungskriterium ist deren jeweilige Wirkung auf das sie umgebende soziokulturelle Umfeld. Die Etablierung des Akademiereglements 1775 oder auch die Verschärfung interner Bestimmungen sind demnach Aktionen; das Spielen der Knaben im Akademiepark, etwa beim sog. Kugelschlagen, oder deren Vorbereitung auf den Unterricht während der Erholungsstunden sind Reaktionen. Ebendieses Verständnis von Handeln könnte dabei helfen, nicht nur Kinder, sondern auch weitere marginalisierte Gruppen in der Vormoderne zu fassen.
Um Raum, Akteure und Handlungen zusammenzuführen und die Texte systematisch zu erfassen, wird auf Überlegungen Philipp Mayrings zur Qualitativen Inhaltsanalyse zurückgegriffen. Grundlage seines Vorgehens ist die Bildung eines Kategoriensystems und eines Kodierleitfadens zur Analyse des Materials, wobei die Kategorien deduktiv, induktiv oder in Kombination gebildet werden. Gewählt wurde hier ein kombiniertes Verfahren. Erfasst, systematisiert und kodiert wurde das Material mit der Software MaxQDA, wobei angesichts der Heterogenität der Überlieferung eine Stichprobe von 50 Prozent je Gattung aus den gesichteten Akten geprüft wurde.
Die Studie basiert auf drei übergeordneten Kategorien, die deduktiv hergeleitet wurden und die Struktur sowie den Argumentationsgang der Untersuchung bestimmen, während die feingliedrigen Subkategorien induktiv aus dem Material heraus entwickelt wurden. (1.) Die „Passagen der Kindheit“ beziehen sich auf die Übergänge der Knaben vom elterlichen Haus in die Theresianische Militärakademie. Darunter fallen Prozesse wie das Finden der Knaben, deren Vormerkung, Visitation oder auch Eintritt. Es stehen (2.) die „Bedingungen der Kindheit“ in der Einrichtung im Mittelpunkt. Es geht um die von Foucault gedachten und von Bretschneider weitergeführten räumlich-institutionellen, normativen und sozialen Umstände, die die internen Machtverhältnisse bedingten, das Schweigen als zentrales Prinzip festsetzten und die durch die Überlieferung unterschiedlich in Text und Bild präsent sind. Hierunter fallen etwa Subkategorien wie die Abschottung der Knaben im Raum oder die Uniformierung der Zöglinge durch die strikten normativen Bestimmungen. (3.) wird das „Erleben der Kindheit“ im Alltag fokussiert, wie sich die Knaben also den Raum und die konkreten Regeln des Schweigens aneigneten oder sich diesen widersetzten und auf diese Weise an der Aushandlung von Machtverhältnissen partizipierten. Die zentralen Subkategorien sind hier das „Befolgen“ der Regeln bzw. das „Sich-Widersetzen“ der Zöglinge in unterschiedlichen Alltagssituationen.
Quellenbasis
Kindheitshistorische Studien sehen sich stets damit konfrontiert, dass mehr Quellen vorhanden sind, in denen über Kinder geschrieben wurde, als solche, die von ihnen selbst verfasst wurden. Hinzu kommt im vorliegenden Fall, dass das ursprüngliche Archiv der Theresianischen Militärakademie in der Wiener Neustädter Burg untergebracht war, die während des Zweiten Weltkriegs beschädigt wurde. So kam es zu Verlusten von Überlieferungen aus dem Untersuchungszeitraum, nicht nur für die Theresianische Militärakademie, sondern auch für deren Schwesterinstitution in St. Pölten beziehungsweise Hernals, die sich an die Offizierstöchter richtete. Zudem weisen die Akten zum Teil erhebliche Brand- oder Wasserschäden auf. Ungeachtet dessen kann auf eine umfangreiche, teils lückenhafte serielle Akademieüberlieferung sowie vereinzelte nicht-serielle Aktenstücke zurückgegriffen werden, die im Österreichischen Staatsarchiv, Abteilung Kriegsarchiv in Wien aufbewahrt wird. Ergänzend sei auf die Parallelüberlieferung im Haus-, Hof- und Staatsarchiv und in den Österreichischen Landesarchiven in St. Pölten, Linz, Graz und Klagenfurt hingewiesen. Aufgrund der Aktenlage wird vereinzelt auch auf Materialien zur Hohen Karlsschule im Hauptstaatsarchiv Stuttgart zurückgegriffen. Die Sichtung und Systematisierung dieser Akten sind abgeschlossen. Sind in diesem Zusammenhang tatsächlich noch Archivkonsultationen notwendig, dann betrifft dies Detailangelegenheiten.
Darüber hinaus stützt sich die Studie zum Teil auf nicht-schriftliches Material: Zum einen sind Baupläne und Grundrisse zu nennen, die im Stadtarchiv Wiener Neustadt beziehungsweise im Archiv der Albertina in Wien überliefert sind. Diese Quellen ermöglichen es, die Theresianische Militärakademie im Sinne der foucault’schen Klausur und Parzellierung bzw. des Eigenraums nach Bretschneider nachzuzeichnen. Zum anderen ist auf eine Gemäldeserie aus den 1780er/1790er Jahren hinzuweisen. Sie zeigt verschiedene Alltagssituationen im Parkareal aus Perspektive des damaligen Akademiezeichenmeisters und wurde auch pädagogisch-erzieherisch genutzt, so z. B. als Anleitung, wie man sich konkret verhalten solle.
Ferner seien die gedruckten Traktate zur Erziehung genannt, die Akademiedirektor Franz Josef Kinsky von Wchinitz und Tettau seit den frühen 1770er Jahren publizierte und in denen er nicht nur seine Erfahrungen als Hofmeister in Prag, sondern auch als Direktor in der Wiener Neustädter Einrichtung und aktiver Militär reflektierte. Hierzu gehören etwa die Traktate über den Hofmeister (1773/1776), den Weltrekruten (1781) und die Militärerziehung (1787). Bezugspunkt aller Traktate ist stets der Knabe im Verhältnis zu den Erziehern und Ausbildern. Daneben wird das Kind in den Schriften unterschiedlich kodiert: vom rein adlig-männlichen Erziehungsobjekt zum weltgewandten handelnden Subjekt hin zum sich freiwillig unterordnenden Zögling. Hinzu kommen zum Teil umfangreiche Abschriften und Quellenanhänge, die insbesondere in älteren Studien überliefert, als Originale aber zum Teil nicht mehr erhalten sind.
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